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In Studentenverbindungen gestalten Studenten ihre Studienzeit in einer organisierten Gemeinschaft. Ihre wichtigste Gemeinsamkeit ist das von den Korporationen so bezeichnete Lebensbundprinzip: Aktive wie nichtaktive Mitglieder sollen ihrer Verbindung lebenslang verbunden bleiben. Das Ziel ist es, Kontakte und Freundschaften zwischen den Generationen zu ermöglichen, die der Vernetzung dienen.
Eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten aller studentischen Korporationen ist das Conventsprinzip, ein Organisationskonzept geprägt von Autonomie und basisdemokratischer Entscheidungsfindung.
Es ist bei den meisten Verbindungen üblich, dass sich alle Mitglieder unabhängig von ihrem Alter und beruflichen Status ohne besondere Vereinbarung duzen, und zwar von dem Moment an, in dem ein Student als Fuchs der Verbindung beitritt.
Vor dem Erreichen des ersten akademischen Abschlusses sind studentische Mitglieder Teil der so genannten Aktivitas. Diese organisiert in der Regel im Rahmen ihres Semesterprogramms selbstverantwortlich Veranstaltungen: wissenschaftliche Weiterbildungen (Studium Generale), Feste und Feiern, je nach Ausrichtung aber auch sportliche und musische Aktivitäten in der Freizeit, bzw. allgemein die Pflege des gesellschaftlichen Lebens, dazu gehört auch die Pflege des studentischen Liedgutes.
Die Mehrzahl der deutschen Verbindungen sind nichtschlagend. Die übrigen erwarten die so genannte Mensur entweder von jedem Mitglied (pflichtschlagend) oder stellen sie ihm frei (fakultativ schlagend).
Nach dem Studium folgt die Philistrierung: Fortan ist man in der Korporiertensprache Alter Herr bzw. Alte Dame oder Hohe Dame und gehört mit der Übernahme in das Philisterium zu einer von der Aktivitas verschiedenen, eigenen Organisationsstruktur. Das Philisterium unterstützt aus seinen Mitgliedsbeiträgen unter anderem die Verbindung finanziell; es hat in der Regel die Rechtsform eines e.V.
Die Ursprünge des Brauchtums der Verbindungen reichen oft über 200 Jahre zurück und sind zum großen Teil auf die speziell studentische Kultur und Lebensweise, wie sie seit Jahrhunderten bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts für alle Studenten üblich war, zurückzuführen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus dieser studentischen Kultur die Kultur der Studentenverbindungen, in der auf konservative Weise alte, in weiten Teilen der Studentenschaft vergessene Traditionen erhalten wurden.
Zu diesen ausgeprägten Traditionen gehört bei vielen Verbindungen das Tragen von Farben, dem so genannten Couleur, in Form von Mützen oder Bändern. Andere tragen diese nicht, sondern führen bei Zusammenkünften nur ihre farbigen Wappen und Fahnen mit (farbenführend im Gegensatz zu farbentragend). Wieder andere verzichten selbst darauf (schwarze Verbindungen).
Die meisten Verbindungen nehmen traditionell nur Männer auf. Seit 1899 gibt es auch Damenverbindungen, die seit den 1980er Jahren wieder vermehrt Zulauf erhalten. Seit etwa 1970 existieren aber auch gemischte Verbindungen.
Die Aktivitas und das Conventsprinzip
Eine Verbindung gliedert sich in studierende und berufstätige Mitglieder. Die Aktivitas ist die Organisationsform der studierenden Mitglieder. Sie ist meist als nicht eingetragener Verein organisiert, der nicht rechtsfähig ist. Die Mitglieder treffen ihre Entscheidungen demokratisch in Conventen. Sie wählen dort in jedem Semester einen Vorstand (häufig Chargia genannt), der sich meist aus drei Chargierten oder Chargen zusammensetzt, und den Fuchsmajor , der für die Neulinge (Füchse) verantwortlich ist. Alle Amtsinhaber können jederzeit, auch kurzfristig, abgewählt werden.
Aus historischen Gründen sehen die Convente für sich auch eine Art Aufsichtspflicht für ihre Mitglieder (siehe Comment), die bei Verstößen gegen gemeinsam und demokratisch festgesetzte Regeln Bestrafungen vorsieht. Dazu gehören geringfügige Geldstrafen in die Gemeinschaftskasse, aber auch protokollarische Strafen ( Verweise etc.) sowie den zeitweisen oder endgültigen Ausschluss aus der Verbindung ( Dimission ).
Besonders in großen Dachverbänden, wie dem CV( Cartellverband der katholischen Studentenverbindungen) ist es üblich, dass einzelne Verbindungen mit mehreren Verbindungen an jeweils anderen Studienorten befreundete Verhältnisse abschließen - durchaus schriftlich mit Vertrag. So erhalten die Aktiven die Gelegenheit, bei gegenseitigen Besuchen andere Universitätsstädte in anderen geographischen Regionen kennenzulernen und ihren Horizont zu erweitern. Viele Arten von Verbindungen erlauben ihren Mitgliedern, nach Studienortwechseln bei anderen Verbindungen (in der Regel desselben Dachverbandes, vorzugsweise bei befreundeten Verbindungen) eine weitere Mitgliedschaft einzugehen. Bei farbentragenden Verbindungen werden dann lebenslang zwei Bänder gleichzeitig getragen ( Zwei-Farben-Bruder , Zweibändermann etc.). Einige Verbindungen schließen weitere Mitgliedschaften grundsätzlich aus.
Aufgrund ihres Selbstverständnisses als selbstverwaltete studentische Zusammenschlüsse sehen sich die Convente der Studentenverbindungen als autonom an. Sie betrachten sich als unabhängig von staatlichen und universitären Autoritäten, von Parteien und anderen politischen oder gesellschaftlichen Gruppen. Das hat in der Geschichte auch zu Konflikten mit dem Staat geführt. So waren die Verbindungen im Zuge der Karlsbader Beschlüsse (1819-1848) verboten, ebenso während der nationalsozialistischen Herrschaft ab 1935 und in der DDR.
Die Aktivitates der meisten Verbindungen können heute über ein eigenes Haus oder eine Wohnung (Korporationshaus) zum Treffen und Wohnen verfügen. Verbindungen, die nicht darüber verfügen, treffen sich regelmäßig in öffentlichen oder gemieteten Versammlungsräumen (in Deutschland Konstante, in Österreich Studentenbude genannt). Der Erwerb und der Betrieb der Immobilien wird von den Alten Herren finanziert, was niedrige Mieten für Studentenzimmer ermöglicht.
Fuchsenzeit und Burschenzeit
Personen, die einer Verbindung beitreten möchten, werden bis zum Eintritt oft Spefüchse (von lat. spes, "Hoffnung") oder Finken genannt. Beim Eintritt in eine Verbindung macht der Student oder die Studentin eine Probezeit durch. Als Fuchs oder Fux bezeichnet, kann er/sie die Verbindung mit weniger Rechten, aber auch weniger Pflichten unverbindlich kennenlernen. Er/sie wird mit den Traditionen und Werten seiner Verbindung vertraut gemacht und lernt befreundete Verbindungen kennen. Das dauert ein bis zwei Semester und endet mit der Burschung , (in manchen Dachverbänden: Rezeption / Reception / Burschifikation / Burschifizierung ), womit man (Corps-)Bursche (Vollmitglied) wird. Bei vielen gemischten Verbindungen wird Fuchs oder Bursch als nicht geschlechtspezifischer Status betrachtet, weswegen auch Frauen geburscht werden.
Diese Vollmitglieder übernehmen die Hauptverantwortung des Aktivenlebens: Ämter (Chargen), Gastgeberrolle bei Veranstaltungen, Leitung verschiedener Convente oder Repräsentationspflichten bei Besuchen. In dieser Zeit werden in schlagenden Verbindungen die Mensuren gefochten.
Die restliche Zeit seines Studiums (beispielsweise in lernintensiven Phasen) ist der Verbindungsstudent jedoch Inaktiver und kann sich auf seinen Studienabschluss konzentrieren.
In der Regel benötigt eine Verbindung mindestens drei aktive Mitglieder zur Aufrechterhaltung des Aktivenbetriebs. Wenn diese Zahl unterschritten wird und durch Reaktivierungen von Inaktiven nicht ausgeglichen werden kann, muss die Verbindung suspendieren , das heißt, den Aktivenbetrieb schließen und sich auf Veranstaltungen der berufstätigen Mitglieder (Alte Herren) beschränken. Wenn wieder genügend Nachwuchs vorhanden ist, kann sich die Verbindung wieder rekonstituieren , also den Aktivenbetrieb wieder aufnehmen. Das ist manchmal noch nach Jahrzehnten der Suspension möglich.
Alte Herren und der Lebensbund
Ehemalige Studenten heißen unabhängig von ihrem Lebensalter Alter Herr , Alte Dame oder Hohe Dame . Sie bilden gemeinsam das Philisterium. Das sind meist eingetragene Vereine (e.V.). Für die Aufnahme ist eine gesicherte Lebensstellung Voraussetzung, d.h. der oder die Betreffende sollte eine feste Arbeitsstelle gefunden haben.
Alte Herren haben zwar aufgrund von Familie und Beruf weniger Zeit als die Aktiven, können den Bund aber finanziell unterstützen: durch Jahresbeitrag und Spenden, vor allem aber durch den Unterhalt des Korporationshauses. Besonders Engagierte können auch Ämter im Altherrenverband und im Dachverband übernehmen.
Alte Herren und aktive Studenten treffen sich auf Veranstaltungen des eigenen Bundes, etwa beim Stiftungsfest oder bei Tagungen des jeweiligen Dachverbandes.
Das Lebensbund-Prinzip bedeutet eine lebenslange Verpflichtung, für alle Mitglieder der eigenen Verbindung einzustehen. Entgegen ursprünglichen Konzepten aus der Zeit um 1800 erlaubt es heute jedoch auch freiwillige Austritte oder - bei schwerwiegendem Fehlverhalten - den zeitweisen oder endgültigen Ausschluss aus der Verbindung. Ausgetretene Mitglieder können die Wiederaufnahme in das Philisterium beantragen.
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